Mein Besuch im Revolution Train in Buchloe

Auf Einladung von Helmuth Geppert, dem derzeitigen Präsidenten des Rotary Clubs Buchloe, hatte ich am 24. September die Gelegenheit, den REVOLUTION TRAIN am Bahnhof in Buchloe zu besuchen. Was ich dort erlebt habe, hat mich nachhaltig beeindruckt – so sehr, dass ich bereits am folgenden Tag noch einmal nach Buchloe gefahren bin und einen eritreischen Teenager mitgenommen habe, den wir im Rahmen unserer Arbeit bei der Stiftung „Nächstenliebe in Aktion“ begleiten.

Ein außergewöhnlicher Zugang zu einem schwierigen Thema

Ich gebe zu: Auch ich war zunächst gespannt, was mich in einem „Drogenpräventionszug“ erwarten würde. Nach rund eineinhalb Stunden war für mich klar: Hier wurde ein außergewöhnlicher Weg gefunden, jungen Menschen die Gefahren von Drogen und Sucht nahezubringen – ohne erhobenen Zeigefinger und ohne ihnen lediglich zu sagen: „Das darfst du nicht!“

Der REVOLUTION TRAIN ist ein Projekt der primären Drogenprävention. Besonders angesprochen werden Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, sie möglichst früh zu erreichen – idealerweise bevor sie überhaupt erstmals mit Drogen oder anderen Suchtmitteln in Berührung kommen. Sie sollen informiert und zum Nachdenken angeregt werden und ihre eigene Haltung entwickeln, bevor sie irgendwann vor einer konkreten Entscheidung stehen.

Genau dieser Gedanke hat mich überzeugt.

Sechs Waggons – und plötzlich ist man mitten in der Geschichte

Der REVOLUTION TRAIN ist kein gewöhnlicher Informationsstand und auch keine klassische Ausstellung. Der 165 Meter lange und rund 300 Tonnen schwere Zug besteht aus sechs Waggons. Vier davon wurden zu multimedialen Kino- und Erlebnisräumen umgebaut. Dazu

Die Besucher verfolgen die Geschichte junger Menschen und erleben unmittelbar, wie Entscheidungen getroffen werden – und welche Konsequenzen daraus entstehen können.

Filmsequenzen wechseln mit realitätsnah gestalteten Kulissen. Man sieht nicht nur einen Unfall auf der Leinwand, sondern steht anschließend gewissermaßen mitten in der Situation. Die Besucher werden in Gespräche und Entscheidungsprozesse einbezogen und müssen sich selbst fragen: Wie hätte ich mich entschieden? Was hätte ich an dieser Stelle getan?

Gerade diese Verbindung von Sehen, Hören, Erleben und eigener Beteiligung macht das Konzept so eindrucksvoll.

Sucht verändert nicht nur das Leben eines Menschen

Besonders nachdenklich gemacht hat mich, wie deutlich im REVOLUTION TRAIN die Entwicklung einer Suchtkarriere dargestellt wird.

Am Anfang stehen Entscheidungen, die vielleicht noch harmlos erscheinen. Doch Schritt für Schritt wird sichtbar, welche Folgen daraus entstehen können. Es geht um Freundschaften und Gruppendruck, um Familie, Gesundheit, Schule und Beruf, um Straftaten und letztlich um die Frage, welche Richtung ein ganzes Leben nehmen kann.

Dabei bleibt der Besucher nicht mit dem Eindruck zurück, dass eine Suchtkarriere zwangsläufig sein muss. Ganz bewusst werden auch junge Menschen gezeigt, die Drogen ablehnen oder sich kritisch damit auseinandersetzen. Die Werte einer gesunden Lebensweise und die Fähigkeit, selbstbewusst eine eigene Entscheidung zu treffen, spielen eine zentrale Rolle.

Warum ich am nächsten Tag noch einmal nach Buchloe gefahren bin

Mein erster Besuch hat mich so beschäftigt, dass ich spontan entschieden habe, am nächsten Tag noch einmal nach Buchloe zu fahren.

Diesmal nahm ich einen eritreischen Teenager mit, den wir kennen und begleiten.

Denn ich bin der Meinung, dass wir mit unseren Kindern und Jugendlichen noch viel zu wenig über Suchtmittel und vor allem über deren Auswirkungen auf das gesamte Leben sprechen.

Dabei sollte es nicht nur um illegale Drogen gehen. Junge Menschen werden heute mit Alkohol, Nikotin und anderen Suchtmitteln konfrontiert und stehen zugleich unter vielfältigen sozialen Einflüssen. Entscheidend ist deshalb, ihnen nicht erst dann Unterstützung anzubieten, wenn bereits eine Abhängigkeit entstanden ist.

Prävention muss vorher beginnen.

Jugendliche stark machen, „Nein“ zu sagen

Was mir am Konzept des REVOLUTION TRAIN besonders gefällt, ist deshalb der Gedanke der Lebenskompetenz.

Ein Jugendlicher soll nicht auf Drogen verzichten, nur weil Erwachsene ihm sagen, dass Drogen gefährlich sind. Er soll möglichst selbst verstehen, welche Konsequenzen eine Entscheidung haben kann – und genügend Selbstvertrauen entwickeln, auch dann „Nein“ zu sagen, wenn andere in der Gruppe „Ja“ sagen.

In den Unterlagen des Projekts wird dieses Ziel sehr treffend beschrieben: Junge Menschen sollen eine gesundheitsbewusste Denkweise entwickeln, persönliche Freiheit und Eigenverantwortung erkennen und auf schwierige Schlüsselsituationen vorbereitet werden.

Das halte ich für einen entscheidenden Ansatz.

Mit dem Zug ist die Prävention nicht zu Ende

Beeindruckt hat mich auch, dass der REVOLUTION TRAIN nicht als isoliertes Ereignis verstanden wird.

Pädagogische Fachkräfte werden einbezogen, das Thema kann in den Schulen vor- und nachbereitet werden und es gibt ein eigenes Folgeprogramm. Einige Wochen nach dem Besuch wird die im Zug erlebte Geschichte noch einmal aufgegriffen – diesmal unter anderem aus rechtlicher Perspektive. Dabei geht es beispielsweise um persönliche Verantwortung und Sicherheit, Erste Hilfe, Straftaten und Ordnungswidrigkeiten sowie um Entscheidungen in Krisensituationen.

Auch Eltern spielen eine wichtige Rolle. Das gemeinsame Erlebnis soll helfen, innerhalb der Familie eine Gesprächsgrundlage über Sucht und Suchtmittel zu schaffen. Eltern erhalten zudem Informationen darüber, wie Schutzfaktoren in der Familie gestärkt und mögliche Probleme frühzeitig erkannt werden können.

Prävention braucht ein Netzwerk

Dass der REVOLUTION TRAIN überhaupt nach Buchloe gekommen ist, ist dem Engagement vieler Menschen zu verdanken. Besonders möchte ich an dieser Stelle Helmuth Geppert und dem Rotary Club Buchloe danken.

Ich habe mich sehr über seine persönliche Einladung gefreut. Noch mehr freue ich mich darüber, dass Verantwortliche vor Ort bereit sind, Zeit, Kraft und auch finanzielle Mittel in die Prävention zu investieren.

Denn genau das braucht es: Menschen, die nicht erst reagieren, wenn ein junger Mensch bereits abhängig geworden ist, sondern vorher handeln.

Auch das Konzept von REVOLUTION TRAIN setzt ausdrücklich auf die Zusammenarbeit mit Schulen, Jugendämtern, Kommunen und örtlichen Präventionseinrichtungen. Lokale Fachkräfte werden geschult und miteinander vernetzt, damit etwas bleibt, wenn der Zug längst weitergefahren ist.

Ein Erlebnis, das mich nicht so schnell loslassen wird

Nach meinen beiden Besuchen in Buchloe bin ich mehr denn je davon überzeugt: Wir müssen früher, offener und verständlicher über Sucht sprechen.

Nicht mit Angst. Nicht mit Verurteilung. Und möglichst auch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger.

Wir müssen jungen Menschen vielmehr helfen zu verstehen, dass ihre Entscheidungen Konsequenzen haben – und gleichzeitig vermitteln, dass ihr Leben wertvoll ist, dass sie eine Zukunft haben und dass es sich lohnt, Verantwortung für dieses Leben zu übernehmen.

Genau deshalb hat mich der REVOLUTION TRAIN so begeistert.

Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Schülerinnen und Schüler, Jugendgruppen, Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Verantwortliche in der Kinder- und Jugendarbeit dieses außergewöhnliche Präventionsprojekt kennenlernen können.

Denn vielleicht ist eine der wichtigsten Botschaften, die wir einem jungen Menschen mitgeben können, ganz einfach:

Du hast die Freiheit, dich zu entscheiden.
Du darfst Nein sagen.
Und dein Leben ist es wert, geschützt zu werden.

Wolfgang Groß
Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Nächstenliebe in Aktion“


https://www.revolutiontrain.de/